4 Diskurslinguistik und Korpuspragmatik
2. Linguistische Untersuchung von Diskursen
2. Linguistische Untersuchung von Diskursen
2.1 Begriffsklärung
Alltagssprachlich sind Formulierung wie a) ‚einen Diskurs halten‘ oder b) ‚einen Diskurs führen‘ geläufig, wie im folgenden Beispiel:

Online verfügbar unter <http://www.dgb.de/themen/++co++20aeeaba-4be0-11e5-aa82-52540023ef1a> (letzter Zugriff am 01.07.2018)
Überlegen Sie, wie man Diskurs in den beiden Wendungen a) und b) definieren könnte, auch in Bezug auf den Textausschnitt aus Abb. 1.
Diskurs bedeutet in etwa i) ‚Rede‘ oder ii) ‚(lebhafte) Diskussion‘ oder ‚bestimmte Thematik, die erörtert wird‘. Während bei i) der Fokus auf die Art der Realisierung von Äußerungen gelegt (nämlich perzeptiv gesehen ‚mündlich/gesprochen‘), rückt bei ii) der (oftmals strittige) Inhalt in den Vordergrund.
Grundsätzlich können wir bei der wissenschaftlichen Verwendung des Begriffs die folgenden Lesarten unterscheiden:
- Konzeptionelles Verständnis
- Philosophisches Verständnis
- Sozialkonstruktivistisches Verständnis
- Ethnomethodologisches Verständnis (Interaktions-/Konversationsanalyse)
Versuchen Sie die folgenden Zitate zu den jeweiligen Lesarten 1.–4. zuzuordnen
Zitat a):
„discourse can also be defined as ‚practices which systematically form the objects of which they speak‘ (Foucault 1972: 49)“ (Baker 2006: 4)
Zitat b):
„It is further categorized by Burr (1995: 48) as ‚a set of meanings, metaphors, representations, images, stories, statements and so on that in some way together produce a particular version of events (…)“ (Baker 2006: 4)
Zitat c):
„Diskurse dagegen sind an das hier und jetzt der Sprechsituation gebunden. Diskurse stellen also (…) eine Form situationsgebundenen Handelns dar, Texte dagegen sind situationsentbunden.“ (Dürscheid 2003, 41)
Zitat d):
„Praxeologische Ansätze richten den Blick auf die Praktiken und Prozesse, in denen die Akteure an der Konstruktion sozialer Ordnung partizipieren, d.h. auf symbolisch vermittelte Prozesse des Turn-Taking, wobei mit dem Diskursbegriff insbesondere auch jene kommunikativen Praktiken in den Blick genommen werden, die über eine einzelne Situation hinausreichen und verschiedene Kontexte betreffen.“ (Angermüller/Wedl 2014: 174)
Wir möchten hier nun einen Diskursbegriff anwenden, der verschiedene Aspekte der o.g. Lesarten integriert und der in erster Linie pragma-linguistisch ausgerichtet ist.
Definitionsversuch:
Unter Diskurs verstehen wir jegliche Art der natürlich vorkommenden Sprache in äußerungsübergreifenden Strukturen (z.B. in einem Text, einem Vortrag, einem Dialog), die bestimmten organisatorischen Prinzipien folgt.
Konkret bedeutet dies, dass sich der Diskursbegriff mithilfe linguistischer Konzepte beschreiben lässt, wie mit den Einheiten ‚Satz‘ oder ‚Äußerung‘. Für die Diskursbestimmung in diesem Sinne ist die pragmatische Perspektive wichtig, d.h. der Kontext wird – und muss – in den Untersuchungen Beachtung finden.
Diskurse sind schließlich immer, quasi per Definitionem, in der Gesellschaft verankert. Sie sind einerseits Symptome bestimmter Prozesse, und können für andere Prozesse ursächlich sein.

Erläutern Sie diese Wechselwirkung anhand der in Zusammenhang mit dem Migrationsdiskurs verwendeten Begriffe der Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsflut.
Mit Begriffen wie Flüchtlingswelle oder Flüchtlingsflut werden gesellschaftliche Ereignisse und Vorgänge versprachlicht. Durch den Begriff wird auf diese Ereignisse Bezug genommen, der Begriff wird möglicherweise für genau dieses Ereignis neu gebildet. Sprachliche Innovation vollzieht sich also ausgelöst durch bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen. Gleichzeitig eröffnet der Begriff einen Raum für Assoziationen, besonders durch das Kompositionsglied Welle. Diese Assoziationen beeinflussen die Kategorisierung und Interpretation von Ereignissen. Werden Begriffe wie Flüchtlingswelle oder -flut zu Schlüsselbegriffen des Migrationsdiskurses, gibt dies Aufschluss über die Einordnung solcher Ereignisse und kann wiederum bestimmte (politische, soziale, moralische, etc.) Entwicklungen zur Folge haben, beispielsweise eine Ablehnung migratorischer Bewegungen aufgrund der semantischen Nähe zu Naturkatastrophen oder allgemein 'Bedrohungen'.
Mit der hier angeführten Definition von Diskurs als etwas ‚Transphrastischem‘, also als etwas, das über Satzstrukturen hinausgeht, näher sich der Diskursbegriff wiederum dem Textbegriff an, was auch bei Bubenhofer et al. deutlich wird:
„In der Diskursanalyse ist regelmäßig vom Diskurs als ‚Geflecht‘ die Rede. Der Diskurs wird als ‚Textgeflecht‘, als ‚Textensemble‘ beschrieben, das einzelne Texte verbinden (sic!) (Hermanns 1995: 86f.).“ (Bubenhofer/Eugster/Scharloth 2013)
Widdowson (1973) hat mit einer einfachen Formel den Unterschied zwischen Diskurs und Text auf einen Punkt gebracht:

Mit anderen Worten: Diskurs ist Text im Kontext. Text wiederum wird ‚weit‘ ausgelegt und beinhaltet jegliche materiell-mediale Äußerungsrealisierung, d.h. beispielsweise Videos, Podcasts oder Chatbeiträge. Insofern ist auch der folgenden Äußerung von Niehr, der Diskurse als „Ansammlung einer Vielzahl von Texten zum gleichen Thema“ (Niehr 2014: 10) versteht, ein weiter Textbegriff zugrunde zu legen.
NB: Wenn von verschieden Diskursen (Plural!) die Rede ist, so oft im Zusammenhang mit verschiedenen Themen.
2.2 Korpora, Diskursanalyse und Textlinguistik
Mit dem Hintergrund des Diskursbegriffs, der Diskurse als ‚language in use‘ bzw. ‚Text im Kontext‘ versteht, sind Korpora zu ihrer Untersuchung eine nahezu ideale Datenquelle:
„Die linguistische Diskursanalyse nimmt sich Texte zum Untersuchungsgegenstand, um in einem hermeneutischen Prozess die Spuren von Diskursen darin zu finden. Damit ist eine solche Diskursanalyse schon immer korpuslinguistisch: Es wird ein Korpus von Texten definiert, das die Grundlage für die Analyse bildet.“ (Bubenhofer 2008: 407)
Genauso wichtig wie für die DA sind Korpora für modernere Ansätze der Textlinguistik geworden, weshalb sich Überschneidungsbereiche empirischer wie theoretisch-konzeptioneller Natur ergeben. Anders ausgedrückt:
Einerseits können die beiden Disziplinen ähnliche bzw. gleiche Untersuchungsbereiche haben, andererseits kann v.a. die qualitative Diskursanalyse auf textlinguistische Theorien zurückgreifen.
Mit dem Wandel der Kommunikationsbedingungen geht die Textlinguistik jedoch zunehmend in allgemeineren Disziplinen wie Pragmatik oder eben Diskursanalyse auf, oder wird unter die sich zunehmend etablierende Medienlinguistik subsumiert.
Fasst man Korpora als eine Datenquelle auf, um Hypothesen und Theorien aus den Bereichen Diskursanalyse und Textlinguistik zu prüfen, so versteht man Korpusanalyse als eine Methode und geht deduktiv vor (vgl. Modul 2, Lektion 4.1).
Möchte man anhand von Korpora diskursspezifische Merkmale identifizieren, quasi ‚errechnen‘, bevor ein klares Bild über mögliche sprachliche Besonderheiten existiert, so geht man induktiv vor (vgl. Modul 2, Lektion 4.2).
Mit den möglichen deduktiven Vorgehensweisen beschäftigen wir uns in der Lektion 3, mit datengeleiteten, induktiven Ansätzen in Lektion 4.
2.3 Exemplarische Charakterisierung von Diskursen
Nicht jedes Thema eigent sich für einen Diskurs. Um zu verstehen, welche Themen in Diskurse münden können, oder auch, diskursiv verhandelt bzw. konstruiert werden, genügt die linguistische Brille nicht; Ursachen hierfür sind vielmehr sozialer und psychologischer Natur.
Die Gesellschaft bzw. mehr oder weniger große Gruppen von Individuen spielen für die Entstehung und Veränderung von Diskursen eine wichtige Rolle. Diskurse sind Gesellschaftsphänomene und nie auf einzelne Individuen beschränkt. Natürlich können dabei auch Einzelpersonen eine tragende Rolle spielen, jedoch nur solche, die öffentlich wahrgenommen werden (z.B. Politiker).
Die Art und Weise, wie sich Diskurse schließlich manifestieren, bringt wiederum die Linguistik – auch kognitiver Prägung – ins Spiel.
Zu den übergeordneten Themenfeldern, die gesellschaftlich so stark polarisieren, um regelmäßig die unterschiedlichsten Diskurse hervorzubringen, zählen Krisen und Politik (vgl. Baker 2006: 4).
Im Bereich „Politolinguistik“ werden sprachwissenschaftliche neben politikwissenschaftlichen Theorien und Methoden angewendet (vgl. Burkhardt 1996 und Niehr 2014), wodurch wiederum Schnittmengen mit der Diskurslinguistik entstehen, insbesondere, wenn kulturpolitische Themen untersucht werden.
Politolinguistik beschäftigt sich mit politischer Sprache. Das umfasst Sprache von Politikern, Sprache in der Politik und Sprechen über Politik.

- Populistischer Diskurs (z.B. Wodak 2015, online unter https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/2191/3355)
- Unabhängigkeitsdiskurs (z.B. der späten 1960er Jahre; Kämper 2012)
- Grundrecht-Diskurs (z.B. Kilian 1997)
- „Diskurs um die Schuldenkrise Griechenlands“ (Schendel 2012)
- „Befreiungsdiskurs zum 8. Mai“ (z.B. Klein 1997)
Weitere Beispiele für Diskurse
Zu Forschungsarbeiten, in denen nicht-politische Diskurse beschrieben werden, gehören die folgenden:
- Alpin-/Bergdiskurse (z.B. Bubenhofer/Schröter 2012)
- „Homöopathiediskurs“ (z.B. Beyersdorff 2011)
- „Schuldiskurs“ (z.B. Kämper 2005)
- „Zeitreflexive Diskurse“ (Bubenhofer/Eugster/Scharloth 2013; siehe auch Kämper 2007)
Überlegen Sie ausgehend von den jeweiligen Bezeichnungen, was die grundlegende Thematik von sprachlichen Äußerungen sein könnte, damit sie dem entsprechenden Diskurs zugeordnet werden.
In den nächsten beiden Lektionen geht es um verschiedene Möglichkeiten, deduktive und induktive Methoden bei der linguistischen Diskursanalyse einzusetzen.
Rufen Sie sich kurz den Unterschied zwischen deduktivem und induktivem Vorgehen, wie es in Modul 2, Lektion 4 erläutert wurde, in Erinnerung!