3 Korpusbasierte Sozio- und Varietätenlinguistik

2. Grundbegriffe der Varietätenlinguistik

2. Grundbegriffe der Varietätenlinguistik

2.1 Varietäten und Variation

Eine Sprache hat bekanntlich sehr viele unterschiedliche Facetten. Wie wir sprechen, hängt stark von unserer Umgebung ab (räumlich wie sozial) und außerdem von der Situation. Als Sprecher verwenden wir i.d.R. mehrere Repertoires, und passen die Art, wie wir uns sprachlich ausdrücken, der Situation, d.h. dem Kontext, an.

Gewisse Situationen ‚verlangen‘ eine standardnahe Ausdruckweise, in anderen wiederum mag es passender sein, den heimischen Dialekt zu verwenden.

Um eine Sprache für die persönlichen kommunikativen Zwecke gezielt und angemessen einzusetzen, müssen wir jedenfalls genau dieses Variieren, dieses Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Repertoires und Stilebenen beherrschen – im beruflichen wie im privaten Alltag.

Dasselbe gilt, wenn man eine Fremdsprache erlernt. Natürlich wird zunächst die Standardsprache vermittelt, doch mit zunehmendem Kompetenzniveau wird eine Sensibilisierung für die sprachliche Kontextgebundenheit immer wichtiger.

Aus diesen Gründen beschäftigt man sich auch in der germanistischen Sprachwissenschaft nicht nur mit der deutschen Standardsprache, sondern auch mit allen davon abweichenden Sprachformen, die noch derselben Sprache zuzuordnen sind. Bilden Nonstandard-Sprechweisen vollfunktionale, d.h. abgeschlossenen Systeme, die für mehrere Individuen weitgehend gleich und verbindlich sind, spricht man von Varietäten.

Dialekte sind Varietäten, die durch geographische Gebundenheit bestimmt werden und per definitionem nicht dem Standard entsprechend. Umgekehrt kann jedoch die Standardsprache in einer früheren Epoche ein Dialekt – neben vielen anderen – gewesen sein, der sich durch seine historische Entwicklung dann erfolgreich gegenüber den anderen Varietäten durchgesetzt hat.

Soziolekte hingegen sind an die Person des Sprechers gebunden und abhängig von der sozialen Herkunft, dem Bildungsgrad, dem Alter und – als Parameter nicht ganz unumstritten – dem Geschlecht. Aufgrund der vielen unterschiedlichen, kaum völlig vergleichbaren Einflussfaktoren entwickeln sich Soziolekte normalerweise nicht zu voll-funktionalen Varietäten, die in ihrer Homogenität mit Dialekten vergleichbar wären.

Varietäten sind immer nur in Abgrenzung zum Standard beschreibbar und analysierbar. Aber was ist das eigentlich genau, der Standard?

2.2 Norm und Standard

„Standard ist das, was in Kontexten, die als standardsprachlich aufgefasst werden, regelhaft in Gebrauch ist. Was das geschriebene Deutsch betrifft, zählen dazu Texte deutschsprachiger Zeitungen (…). Der geschriebene Standard ist also ‚im Prinzip durch eine Auswertung umfangreicher Zeitungskorpora zu ermitteln‘ […].“ (Elspaß/Dürscheid/Ziegler 2017: 71)

Texte deutschsprachiger, überregionaler Zeitungen gehören zu den sogenannten Modelltexten. Modelltexte sind solche, die eine Art ‚standardsprachliche Vorbildfunktion‘ übernehmen und auch als Referenzgröße dienen.

Bei Modelltexten ist i.d.R. zweitrangig, wer sie verfasst hat. Anders ist die bei Modellsprechern, bei denen es sich um über die Massenmedien bekannt gewordene Journalisten oder Moderatoren handelt. Zu diesen „prominente[n] Berufssprechern“ (Ammon 2017: 11) gehören auch die Sprecher der Fernseh- und Radionachrichten (abgesehen von einzelnen lokalen Formaten, die sich des Dialekts bedienen). Auch von diesen Modellsprechern wird erwartet, dass sie sich standardsprachlich artikulieren.

Massenmedien spielen eine wichtige Rolle bei der Übertragung und Verbreitung standardsprachlicher Inhalte, weshalb sie historisch betrachtet auch einen wichtigen Teil zur sprachlichen Vereinheitlichung beigetragen haben; in manchen Ländern, z.B. in Italien, ist dies noch mehr von Bedeutung gewesen als in Deutschland. Massenmedien sind i.d.R. national organisiert und greifen daher auch auf nationale Varietäten zurück. Allerdings entwickelt sich der Trend hin zu nationsübergreifenden Medienformaten, die dann wieder stärker an Sprach- und nicht Ländergrenzen orientiert sind.

Mit Modelltexten sind sowohl schriftlich verfasste Texte als auch mündliche Äußerungen, die von Modellsprechern hervorgebracht wurden, gemeint. Um solche Texte in Korpora darstellbar zu machen, müssen sie teils erst transkribiert werden.

Ein Korpus bestehend aus Modelltexten kann bei ausreichender Größe die Standardsprache abbilden. Gegenüber Sprachkodizes (Grammatiken oder Wörterbücher) haben Korpora neben praktischen Vorteilen bei der Durchsuchbarkeit und Darstellbarkeit der Daten auch den großen Vorteil der Aktualität.

Zeitungstexte können bereits wenige Tage nachdem sie verfasst wurden in ein Korpus aufgenommen werden (dank automatischem Crawling, Tagging usw.) und müssen nicht noch nachträglich einen langwierigen, teils viele Monate andauernden Redaktions- und Publikationsprozess durchlaufen. Besonders relevant wird dies, wenn man beispielsweise Neologismen oder die Entwicklung und Integration von Fremdwörtern verfolgen möchte.
Hier sind auch schon ‚Vorstufen‘ der Standardisierung, d.h. des Eingangs ins standardsprachliche Lexikon dokumentierbar, da Korpora auch bereits die gelegentliche Verwendung bestimmter Begriffe oder grammatischer Muster dokumentieren. Ein Hinweis auf noch gelegentliche Verwendung ist die Setzung von einfachen Hochkommata, der Etablierung dann, wenn diese weggelassen werden.

Die folgende Abbildung zeigt den Übergang von gelegentlicher zu standardsprachlicher Verwendung und den Vorteil von Korpora dank der früheren Dokumentation der Entwicklungen. ‚Potentiell darstellbar‘ bedeutet, dass die gelegentliche Verwendung mit etwas Glück in Korpora nachweisbar ist, beispielsweise in Korpora  gesprochener Sprache; dies hängt jedoch davon ab, welches Sprachmaterial erhoben wurde.

Abbildung 1: Übergang von gelegentlicher zu standardsprachlicher Verwendung und entsprechende Nachweisbarkeit

Die Korpora des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS-Korpora) haben sich Lizenzen für die großen deutschen Tageszeitungen und Magazine gesichert. Aber nicht nur: auch Zeitungen aus Österreich, Luxemburg und der Schweiz und darüber hinaus regionale Zeitungen haben in die Datenbanken Eingang gefunden, was der folgende Screenshot zeigt:

Abbildung 2: Ausschnitt aus den DeReKo-Archiv ‚W - Archiv der gesprochenen Sprache‘

Dies ist auch absolut notwendig, um den deutschen Sprachraum wirklich repräsentativ darzustellen. Das ‚Bundesdeutsche‘ ist nämlich nicht die einzige Form des deutschen Standards, es existieren weitere deutsche Standardvarietäten mit großer Reichweite, die sich vom ‚Deutsch in Deutschland‘ in unterschiedlichen Geraden unterscheiden.
Das theoretische Konzept, mit welchem ein solches ‚Sprachszenario‘ erklärt werden kann, wird in der folgenden Lektion dargestellt.



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